Leseprobe "Drei Wochen Juli"

 S. 15 f.
Ich starre ihn an. Messerscharf durchschneiden seine weiß glänzenden Zähne die Häppchen. Jeder Zahn an seinem richtigen Platz, geradewegs durch. Die Spitze seiner Zunge zieht die Meerrettichcreme geschickt nach innen; nicht ein Hauch bleibt an seinen Lippen kleben.
Ich wette, der gehört dieser äußerst seltenen Spezies an, die ein dick beschmiertes Nutella Brot essen kann, ohne eine einzige Beweisspur zu hinterlassen.
„Das mit der Feige sieht verlockend aus. Frankreich?“ Mit erhobenen Augenbrauen schaut er mich an, seine Augen glitzern.
Meine starren.
Seine Kiefermuskulatur bewegt sich markant dynamisch von links nach rechts und wieder zurück. Seine Halsschlagader drückt sich elegant nach außen. Ich schlucke, verharre stumm.
„Ich liebe Feigen! Vielleicht sollte ich das als letztes essen; das Beste kommt bekanntlich zum Schluss!“
Er kaut und kaut, schluckt und kaut, beißt ab und kaut weiter. Landet in Spanien, Ungarn, Belgien… Am Ende bleibt er bei seiner französischen Feige.
„Mögen Sie Feigen?“ Ohne seine Augen von mir zu lassen, nimmt er sich eine Serviette und wischt flink über seine Finger. Die Sehnen und Muskeln seiner Unterarme spiegeln die Bewegungen wider, gipfeln in ihrer definierten Form. Mein Mund ist trocken, mein Gehirn auch. „Ich…, äh…“ Mein Atem stockt.
Mein Gott!
Ich habe ihm beim Essen zugeschaut!
Wie paralysiert!
Die anderen Gäste vollkommen vergessen. Dass mein Mund nicht offen stehen geblieben ist, vor lauter…
Erstaunen?
Bewunderung?
Faszination?
Ich habe keine Ahnung!
Nichts ist ihm danebengefallen, nichts in seinen gepflegten Bartstoppeln hängen geblieben.
Krampfhaft zwinge ich mich zum Weiteratmen, schüttle mich innerlich und lächle. „Es freut mich, dass Sie das richtige für sich gefunden haben! Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend“, werfe einen letzten flüchtigen Blick in seine Augen und drehe mich zu den anderen Gästen um: „Möchten Sie eines von unseren leckeren Canapes?“, mische mich zurück unter die Menschenmenge. Das Gerede der Gäste rauscht durch mich hindurch. Ihre Gesichter, ihr Zähne zeigendes Lächeln, kommen überdimensional groß auf mich zu. Meine Hände schwitzen und unter meinen Achseln hat sich unnatürlich viel Feuchtigkeit gebildet. Ad hoc presse ich meine Arme gegen meinen Körper, obwohl ich ihnen viel lieber Luft machen würde.
Atmen!
Ich muss ruhig ein- und ausatmen!

 


...

 

S. 23 ff.
Ich schiebe mein Fahrrad. Schritt für Schritt setze ich auf den Asphalt, komme mir unwirklich vor, als wäre ich eine Marionette, die von höheren Kräften gesteuert wird. Ich kann nicht glauben, dass ich das tue, dass ich mit einem fremden Mann, der sich Josh nennt, zu einem asiatischen Imbiss laufe.
Ich könnte zurück!
Ich könnte mir irgendetwas ausdenken!
Dass ich nach Hause muss! Besser: Ich könnte sagen, dass ich vergessen habe, dass ich mit einer Freundin verabredet bin, oder: Dass ich schlicht und ergreifend nicht will? Das wäre das einfachste von der Welt. Ich könnte ein fake Telefonat führen. Meine Freundin braucht dringend meine Hilfe! Ich stecke meine Hand in die Tasche, umfasse mein Telefon. „Sie sagten, Sie haben einen Freund begleitet?“
„Was tut man nicht alles!“
„So schlimm?“
„Viel Schlimmer! Wenn Sie nicht gewesen wären, dann…!“
WENN ICH NICHT GEWESEN WÄRE?
Josh senkt seinen Kopf Richtung Asphalt; sanft verziehen sich seine Mundwinkel zu einem Grinsen. „Neugierig?“
„Äh…“
„Sie waren der einzige Mensch heute Abend, für…“
FÜR?
Er bleibt stehen, was mich dazu veranlasst ebenfalls stehen zu bleiben, schaut mich an. Ein Hauch von Lächeln überfliegt sein Gesicht. Für einen Minimoment erstarre ich unter seinem Blick. Unvermittelt beugt er sich über mein Fahrrad, führt seinen Kopf dicht an meinem vorbei, hält auf Ohr Höhe inne.
Gott, ist der nah!
Alles in mir verkrampft, mein Herz schlägt von null auf 180. Ich halte die Luft an, platze. „WAS? Nee oder?“, laut lache ich auf.
„Ist das Entsetzen oder Amüsement, das da aus Ihnen spricht?“
„Beides vermutlich! Was ist passiert?“
„Ich habe die Wahrheit gesagt.“ Josh geht weiter und zuckt mit den Schultern.
„Die Wahrheit?“
„Japp! Leider der falschen Person!“
„Was ist die Wahrheit?“
„Die Wahrheit ist, dass mich dieses affektierte Getue der ach so feinen Gesellschaft da drinnen immens anstrengt und ich keinen Bock darauf habe – dieses zwanghaft regelkonforme Verhalten um jeden Preis!“
„Zum Kotzen oder?“
Er seufzt. „Es wird immer die geben, die diese gekünstelte Welt toll finden oder so tun als ob, nur, um irgendein Rollenklischee aufrecht zu erhalten.“
Ich muss an meine Eltern denken.
„Und ihr Freund?“
„Der hat das nicht mitbekommen, habe ihm gesagt, dass ich gehen werde, weil müde.“
„Nein, ich meine…“
„Oh nein, mein Freund gehört dem Typ ‚reflektierte Generation‘ an! Er hat kapiert, dass man das Leben aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann.“ Wieder bleibt er stehen, schaut mich an. „Wie Sie!“
Fuck, was ist das in seinen Augen?
Ich senke meinen Blick, atme. „Wie ICH? Woher wollen Sie wissen, mit welchen Blickwinkeln ich die Welt betrachte?“ Langsam läuft er weiter, kickt abermals einen Stein vom Gehweg. Diesmal fester. Gedankenverloren schaut er ihm nach. „Sie haben heute mehr als einmal die Augen verdreht, immer, wenn Sie dachten es sieht keiner!“
„Ich habe WAS?“
Hat der mich beobachtet?
Spinnt der?
„Japp!“
„Und wenn schon…“
„Kein bisschen Angst, dass es noch jemandem außer mir aufgefallen sein könnte und man sich über Sie beschweren wird?“ Ich schlucke, Hitze und Kälte überkommen mich, kämpfen um den ersten Platz in meinem Körper. 
WAS WILL DER?
ICH bleibe stehen. „Was um alles in der Welt wollen Sie von mir? Erst, scheine ich Sie gerettet zu haben, keine Ahnung warum, aber… und dann…, im Gegensatz zu Ihnen, bin ICH nicht rausgeschmissen worden.“ Die Hitze hat gewonnen, breitet sich in mir aus, meine Muskeln in maximaler Anspannung, kampfeslustig. „ICH weiß, in welchen Situationen man seine Gedanken denkt, anstatt sie auszusprechen!“
Josh reißt seine Augen auf, zieht seinen rechten Mundwinkel lächelnd nach oben. „Echt?“
„Ja, ECHT!“
Stille.
Er grinst. „Das meine ich! Sie sind nicht der Typ, der zu allem Ja und Amen sagt.“ Josh spricht ruhig und sanft. „Es gibt nicht die eine Wahrheit im Leben! Man muss den Weg dazwischen finden, seine eigene Wahrheit! Sie scheinen das verstanden zu haben!“
WHAM!
Schlagartig entspannen alle meine Muskeln, meine Körpertemperatur fällt im freien Fall, zieht mein Kinn mit sich.
Was ist das mit diesem Mann?
Von mir verteufelt…, sagt der ein so’n Satz und…
PUFF?
Meine eigene Wahrheit finden!
Wir laufen weiter.
„Nicht einfach, das mit der Wahrheit“, gebe ich versöhnlich lächelnd von mir.
„Wir leben in einer Gesellschaft, in der nahezu alles möglich ist, da muss jeder von uns filtern lernen!“
„Filtern?“
„Filtern! Es ist nie per se alles schlecht! Wie war das? Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen!“
„Aschenputtel hatte ‘ne scheiß Arbeit damit!“
„Soweit ich mich erinnere, hatte sie sowas wie gute Freunde bei sich sitzen, die ihr geholfen haben, das Wesentliche raus zu picken und das Schlechte weg zu lassen.“
„Und? Sie sind so ein Freund?“
Er schmunzelt, blickt zur Seite weg in die Ferne.
Vielleicht…“
Josh sagt das, als wollte er mich herausfordern, es herauszufinden.
Will ich das?
Will ich, dass er zu meiner Wahrheit gehört?
Habe ich nicht zu Marie gesagt, dass ich keinen Mann in meinem Leben gebrauchen kann?
Liebe NICHT auf meinem Plan steht?
Oh Gott, ich habe nicht ernsthaft gerade an Liebe gedacht! Wie absurd! Ich kenne diesen Mann seit 20 Minuten!? Also ist ‚kennen‘ nicht das richtige Wort für diesen Zustand.
„Und Sie? Wer sind Sie, außer eine Servicekraft.“ Josh reißt mich aus meinen Gedanken.
„Was?“
„Dass sie Susanna heißen weiß ich; wer sich hinter diesem Namen versteckt…“
Oh Scheiße, nein!
Der will nicht von mir wissen was ich außer Jobben sonst in meinem Leben mache, woher ich komme, WER ich bin?
Nein mein Lieber!
Wenn es etwas ist, dass ich heute Abend auf keinen Fall will, ist es WER oder WAS Fragen über mich und meine Familie beantworten. Viel interessanter ist das WIE eines Menschen: Wenn das WIE nicht stimmt, ist der Rest egal.
Moment!
Liebe Gehirnzellen, welcher Rest?
Himmel, ich muss damit aufhören.
Vom Thema Ablenken!
Das ist gut!
„Susanna?“
Ich zucke zusammen. Reflexartig umgreift er meinen Arm, hält ihn fest. Langsam gleitet seine Hand an mir hinunter. „Sie sind schreckhaft.“
Seine Finger streifen meine, berühren ihre Spitzen. Für einen Minimoment habe ich das Gefühl, er schiebt sie zwischen meine. Mein Magen verknotete sich. Ich schlucke, entweiche seinem Blick. „Verzeihung, ich war in Gedanken!“
„Jetzt machen sie mich neugierig!“
So schnell lässt du dich ablenken? Okayyyy…
„Ich habe überlegt, was mit denen ist, die es nicht wie ihr Freund schaffen, ihren eigenen Weg zu gehen. Die, die sich mit Drogen volldröhnen, weil ihr wahrer Charakter von ihren Eltern nicht wahrgenommen wird, sie schematisch funktionieren sollen.“ Ich muss an Marie und ihren Zeitungsbericht denken. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet sie und eine In & Out mir heute den Abend retten würden.
Dass Josh allerdings verstummt…

 

...

 

S. 188 f.
Unser Atem geht schnell. Josh stütz sich mit seinen Händen auf seine Knie, blickt zu mir hoch. Ich starre geradeaus, schließe für einen Minimoment meine Augen, halte mein Gesicht Richtung Sonne und atme tief ein. Sauge sie auf, die cremig süßliche Sonnenmilch, die sich mit dem chlorigen Geruch des Wassers in dieser einzigartigen Weise durchmischt, wie es nur einer kann: Der Sommer! Wasserfontänen spritzen aus Mündern altrosafarbener dicker Steinfiguren, plätschern in unendlich vielen kleinen Tropfen auf den heißen Steinboden. Kinder rennen umher, schreien und quieken. Ich öffne meine Augen, blicke zu Josh. Gebannt schaut er auf das Spektakel. Langsam strecke ich meinen Arm, führe meine Hand an einen der wasserspuckenden Münder, drücke das Wasser ab, lasse es in alle Richtungen spritzen.
„Hey!“ Josh springt zurück. „Mein Hemd!“
„Zieh es aus!“ Schnell schlüpfe ich aus Hose und T-Shirt, schmeiße sie in Joshs Arme und hüpfe lachend auf die heißen Steinplatten.
„Susanna!“ Er steht da, angewurzelt, starrt mich an, schüttelt meine Klamotten auseinander und hält sie ordentlich gefaltet vor seiner Brust.
„Hier sind alle so!“ Fest ziehe ich meinen Fuß durch eine kleine Pfütze, ziele in seine Richtung. Er weicht aus, Kinder rempeln ihn an, laufen ungeniert über seine Schuhe drüber. Josh blickt ihnen nach!
„Es sind… Kinder!“
„Eben! Komm! Mein Opa hat sich jedes Mal bis auf die Unterhose ausgezogen!“
Ich blicke zu ihm, lege meinen Kopf seitlich auf meine Schulter, schmolle meine Lippen sanft nach vorne und zwinkre meine Augen künstlich auf und zu. Er windet und dreht seinen Kopf. „Ach Fuck, echt!“ Josh legt meine Sachen auf die Wiese, zieht Hemd und Hose aus, platziert sie geordnet neben meine, funkelt mich an, rennt auf mich zu und packt mich erneut. Diesmal mit dem einen Arm unter meiner Achsel, mit dem anderen unter meinen Knien, hebt er mich nach oben unter das spritzende Wasser. Ich zapple mit meinen Beinen, quieke und lache. Ein klein bisschen anders als früher, aber genauso schön!